Das Ohr

Gennadij Gor

Das Ohr

Phantastische Geschichten aus dem alten Leningrad
Aus dem Russischen übersetzt und herausgegeben von Peter Urban. Umschlag-Entwurf von Horst Hussel
160 S. / 12,0 x 18,0 cm
Fadengeheftete französische Broschur.
ISBN 978-3-932109-51-5
2007
vergriffen
16,00 €

Daniil Charms, Aleksandr Vvedenskij, Konstantin Vaginov, L. Dobyčin ... die Liste russischer Dichter, die nicht zum Kanon der Sowjetliteratur zählten und von denen vor 1989 kaum etwas zu hören war, wird immer länger. Zu ihnen - mittlerweile allesamt Klassiker einer modernen russischen Literatur - gehört auch der Lenigrader Dichter Gennadij Gor (1907-1981). Sofern er überhaupt in Nachschlagewerken erwähnt wird, gilt er als Autor "wissenschaftlicher Phantastik". Das literarisch interessierte Rußland entdeckt Gor gerade erst als einen Meister der Groteske an der Grenze zum Absurden. Der Sammelband Die Kuh mit Erzählungen aus verschiedenen Jahren erschien im Jahr 2000 mit einem Vorwort von A. Bitov; der titelgebende Kurzroman, 1930 verfaßt und nie zuvor gedruckt, schildert - ironisch die Parteilosungen und Pravda-Schlagzeilen brechend - die ersten Jahre der Kollektivierung, wobei Gors Ton an die Prosa von Andrej Platonov und auch von Charms erinnert. Gor, ein glühender Verehrer und Sammler zeitgenössischer Kunst, veröffentlichte 1933 den Erzählband Malerei; 1938 folgte die Sammlung Große Fichtenwälder, in der sich Gors heimatliche Erfahrungswelt, die sibirische Taiga, östlich des Bajkals, spiegelt. Die Erzählung Die alte Frau antizipiert hellsichtig Stalins Zwangsumsiedelung der Kaukasusvölker nach Sibirien 1942-1944. In der Erzählung Manja und in der Geschichte Der Wasserkessel geht es um Sowjetbürger, die plötzlich verschwinden. Eine Auswahl aus seinen phantastischen Erzählungen wird erstmals mit dieser Ausgabe vorgelegt. Stilistisches Mittel der Gorschen Erzählweise ist die radikale Reduktion aufs charakteristische Detail, seine aufreizende Wiederholung, mit der er die verwendeten Wörter abwägt. Gor hat Anfang der 1930er Jahre die letzten Auftritte der Gruppe Oberiu erlebt und er war mit etlichen ihrer Mitglieder befreundet. Von ihren Idealen, literarischen Vorstellungen und Werken hat er sich nie losgesagt, sondern jungen Petersburger Autoren (neben Bitov V. Popov, A. Laskin u.a.) im kleinen Kreise immer wieder davon erzählt. Zu einer Zeit, als niemand von Konstantin Vaginov sprach, setzte Gor seiner utopischen Zeitreise Die Statue ein Vaginov-Gedicht voran und pries dessen Autor in seinem Roman als einen "wirklichen Dichter". Auch Gennadij Gor ist ein großer Dichter, den es zu entdecken gilt.

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